Willensfreiheit

Die Frage, ob wir einen freien Willen haben, ist nicht nur eine der Kernfragen der Philosophie, sondern des Menschen allgemein. Denn auch wenn ein Großteil der Menschen sich darüber im Alltag kaum den Kopf zerbricht, betrifft dies doch jeden Einzelnen.

Dementsprechend ist das Thema seit etwa zwei Jahrtausenden bis in die heutige Zeit immer wieder erneut behandelt worden – mit unterschiedlichsten Antworten. Meist ging es dabei um den Kampf zwischen der Vorstellung einer determinierten Welt und der Vorstellung, wir könnten frei handeln, und zwar in dem Sinn, dass wir verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten hätten.

Dies führt allerdings zu der Frage, ob diese Art von Freiheit das ist, was wir tatsächlich mit dem Begriff „Freiheit“ meinen. Denn diese „inkompatibilistische Freiheit“ (die hauptsächlich darauf reduziert wird, ob wir in bestimmten Situationen anders handeln könnten, als wir es tatsächlich tun) birgt verschiedene Ungereimtheiten.

Nach unserer Intuition[1] scheint klar zu sein:

Ich habe einen freien Willen und weiß natürlich auch, was das bedeutet: Ich kann mich frei entscheiden, die Erfahrung mache ich doch jeden Tag.

Derartige Vorstellungen scheinen das Handeln der meisten Menschen im Alltag zu bestimmen.

Sobald nun jemand aber dezidiert darüber Auskunft geben soll, was denn Willensfreiheit wirklich ist, verstrickt er sich schnell in Widersprüche. Mit der Frage nach der Willensfreiheit scheint es sich ähnlich zu verhalten wie mit vielen philosophischen Grundbegriffen: Man glaubt, solange zu wissen, was damit gemeint ist, bis man konkret darüber Auskunft geben soll. Das scheinbar Selbstverständliche und der Verlust jeglichen sicheren Wissens sind also gerade auch bei diesem Thema oftmals nicht weit voneinander entfernt.[2]

Um einen Überblick über die Debatte um die Willensfreiheit zu bekommen, sind zunächst einige Vorbemerkungen nötig.

1.1    Vorbemerkungen

Es gibt die verschiedensten Formen von Freiheit. Wenn allgemein über Freiheit gesprochen wird, ist fast immer Freiheit im mehr oder weniger politischen Sinn gemeint. Doch auch diese bedeutet je nach Kontext jeweils etwas Unter-schiedliches. So unterscheiden wir Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Presse-freiheit etc., und selbst diese „Freiheiten“ können je nach Umfeld anders verstanden und umgesetzt werden.

Wenn von „Willensfreiheit“ die Rede ist, dann befindet man sich jedoch meist auf philosophischer Ebene. Der Begriff „Willensfreiheit“ muss dabei deutlich gegenüber dem der „Handlungsfreiheit“ abgegrenzt werden.

1.1.1  Handlungsfreiheit – Willensfreiheit

Das, was man gewöhnlich unter Handlungsfreiheit versteht, ist relativ unkontrovers. Sie wird meist als die Freiheit bestimmt, das zu tun, was man will bzw. so zu handeln, wie man will. Doch wenn man Willensfreiheit dement-sprechend als die Freiheit definieren würde, das zu wollen, was man will, ist nicht sofort einleuchtend, was damit gemeint sein soll.

Handlungsfreiheit bedeutet, Absichten verwirklichen zu können. So können beispielsweise Gefängnisse und Naturgesetze meine Handlungsfreiheit ein-schränken:

Wenn ich im Gefängnis bin, kann ich natürlich die Absicht haben, in den Urlaub zu fahren, allerdings kann ich diese Absicht nicht verwirklichen. Oder ich kann die Absicht haben, schneller als das Licht zu fliegen (wenn ich nicht weiß, dass die Lichtgeschwindigkeit die Obergrenze für wirkliche Bewegungen darstellt)[3], die Naturgesetze hindern mich aber daran.

In beiden Fällen kann ich bestimmte Absichten haben, bestimmte Dinge wollen, werde aber in gewisser Weise daran gehindert. Meine Handlungsfreiheit ist eingeschränkt.

Handlungsfreiheit kann größer oder kleiner sein. Sie wird nie maximal sein, da man immer Absichten haben kann, die nicht verwirklicht werden können (zum Beispiel, weil sie mit Naturgesetzen, die man nicht kennt, im Widerspruch stehen)[4]. Ein Beispiel für eine sehr geringe Handlungsfreiheit wäre das so genannte „Locked-in-Syndrom“, bei dem man bei vollem Bewusstsein ist, sich aber nicht mehr bewegen kann.

Es wird auch die Meinung vertreten, dass Handlungsfreiheit die für uns einzig wichtige Freiheit ist. „Unter Freiheit können wir also nur verstehen: ein Vermögen des Handelns oder Nichthandelns gemäss den Bestimmungen (Determinationen) des Willens; d.h., wählen wir das Ruhigbleiben, so können wir´s; wählen wir das Bewegen, so können wir´s auch.“[5]

Betrachten wir uns nur aus der Innenperspektive mag dem auch so sein, wir würden wohl bei den meisten Handlungen und Entscheidungen das Gefühl haben, zumindest frei entscheiden zu können, auch wenn die äußeren Umstände uns an der Ausführung hindern. Wenn wir uns aber aus der Außenperspektive betrachten, als Menschen, der Teil der Natur ist; als einen Organismus, der physikalischen und chemischen Gesetzen unterliegt, können Zweifel aufkommen, ob die Annahme der Freiheit, die wir erleben, tatsächlich begründet ist.[6]

Die Diskussion um die Willensfreiheit geht also auf den Widerspruch zwischen diesen drei allgemein als wahr angesehenen Annahmen zurück:

1)   Wir können frei[7] über unsere Handlungsabsichten und Wünsche entscheiden. (Willensfreiheit)

2)   Jedes Ereignis ist durch Naturgesetze und einen Zustand der Vergangenheit bestimmt. (Determinismus)[8]

3)   Willensfreiheit und Determinismus sind nicht miteinander vereinbar. (Inkompatibilitätsthese)

Da wir ein Teil der Natur sind, müssten wir auch determiniert sein. Dies wiederum scheint aber unserer Intuition von einem freien Willen zu widersprechen.

Man kann die Versuche, mit dem Problem der Vereinbarkeit bzw. Unvereinbarkeit von freiem Willen und Determinismus umzugehen, grob in zwei Positionen einteilen: Den Kompatibilismus und den Inkompatibilismus.[9]

1.1.2  Kompatibilismus – Inkompatibilismus

Für Inkompatibilisten sind die beiden Annahmen von Willensfreiheit und Determinismus unvereinbar (inkompatibel), für Kompatibilisten entsteht durch beide Annahmen kein Widerspruch, sie halten Willensfreiheit und Deter-minismus für vereinbar (kompatibel).

Die Unterteilung in Kompatibilisten und Inkompatibilisten kann weiter untergliedert werden, hauptsächlich in „Libertarier“ sowie „harte“ und „weiche Deterministen“:

Harte Deterministen: Die erste Annahme wird verneint: Der Determinismus ist wahr und daher gibt es keine Willensfreiheit. (Inkompatibilisten)

Libertarier: Die zweite Annahme wird verneint: Wir haben einen freien Willen und somit kann der Determinismus nicht wahr sein. (Inkompatibilisten)

Weiche Deterministen: Die dritte Annahme wird verneint: Es gibt keinen Widerspruch zwischen Willensfreiheit und Determinismus. Willensfreiheit ist sogar nur deterministisch möglich. (Kompatibilisten)

Diese Einteilung (Siehe auch Abbildung 1) zeigt die am häufigsten vertretenen Positionen. Es gibt allerdings auch Positionen, die in dieser Einteilung nicht enthalten sind. Zum Beispiel können nicht alle Kompatibilisten den „weichen Deterministen“ zugeordnet werden. „Weiche Deterministen“ nehmen an, dass Willensfreiheit existiert, gerade weil der Determinismus wahr ist. Kompatibilisten allgemein gehen lediglich davon aus, dass Willensfreiheit und Determinismus vereinbar sind. Es kann also von Kompatibilisten auch die Annahme vertreten werden, dass Willensfreiheit nicht nur mit Determinismus, sondern auch mit Indeterminismus vereinbar ist. Damit wäre die Frage nach der Wahrheit von Determinismus oder Indeterminismus für das Thema Willensfreiheit nahezu irrelevant.[10] Ebenso kann man die Ansicht vertreten, dass Freiheit weder mit einem Indeterminismus noch mit einem angenommenem Determinismus vereinbar ist. Diese Position wird als „Freiheitsskeptizismus“ oder „Impossibilismus“ bezeichnet. „Freiheitsskeptiker“ bzw. „Impossibilisten“ gehen davon aus, dass Freiheit nicht existiert. „Harte Deterministen“ gehören also auch zu den „Freiheitsskeptikern“. „Harte Deterministen“ bestreiten deswegen die Existenz von Willensfreiheit, weil sie annehmen, dass der Determinismus wahr ist.[11]

Abbildung 1: Positionsüberblick

Es scheint auf den ersten Blick nicht ganz klar, wie man zu dem vermeintlich selben Gegenstand „Freiheit“ derart unterschiedliche Meinungen vertreten kann.

Hier ist vorauszuschicken, dass Freiheit für die verschiedenen Positionen jeweils etwas anderes bedeutet, es sich also nicht immer um denselben Gegenstand handelt und somit verschiedene Freiheitsbegriffe unterschieden werden müssen. Die Art von Freiheit, die Kompatibilisten gewöhnlich mit Determinismus für vereinbar halten, ist nicht dieselbe Art von Freiheit wie die, die Inkompatibilisten für mit Determinismus unvereinbar halten.

Im Gegensatz zu „kompatibilistischen Freiheitskonzeptionen“ ist „inkompa-tibilistische Freiheit“ hauptsächlich gekennzeichnet durch die Vorstellung, man könne unter identischen Umständen auch anders handeln.[12] Diese Vorstellung einer „inkompatibilistischen Freiheit“ soll anhand des Konsequenzarguments hier untersucht werden.[13]

Was zwischen beiden Positionen strittig ist, ist genau genommen „nicht die Vereinbarkeit als solche, sondern zunächst die Frage, welche Art von Freiheit auf ihre Vereinbarkeit mit dem Determinismus zu prüfen ist.“[14] Letztendlich besteht also keine Einigkeit darüber, was genau Willensfreiheit eigentlich ist.

Um begründen zu können, was denn nun Willensfreiheit ist und warum diese oder jene Vorstellung von Willensfreiheit mit einem Determinismus vereinbar ist oder nicht, muss erst einmal geklärt werden, was Determinismus bzw. Indeterminismus bedeutet.

Diese Begriffe scheinen zwar unproblematischer als der des „freien Willens“, doch auch hier unterscheiden sich die verschiedenen Theorien und Autoren darin, was sie jeweils darunter verstehen.

1.1.3  Determinismus – Indeterminismus

Der Begriff „Determinismus“ leitet sich ab vom lateinischen „determinare: begrenzen, bestimmen“.[15] Zur Verdeutlichung der These eines Determinismus wird oft die Vorstellung des so genannten Laplaceschen Dämons verwendet:

,,An intelligence that, at a given instant, could comprehend all the forces by which nature is animated and the respective situation of the beings that make it up, if moreover it were vast enough to submit these data to analysis, would encompass in the same formula the movements of the greatest bodies of the universe and those of the lightest atoms. For such an intelligence nothing would be uncertain, and the future, like the past, would be open to its eyes.”[16]

Der Laplacesche Dämon ist ein Gedankenbeispiel, das zeigen soll, dass eine „Intelligenz“, die zu einem Zeitpunkt die Orte und Impulse aller Teilchen des Universums kennt, alle späteren Zustände des Universums errechnen könnte. Dies würde bedeuten, dass es nur eine mögliche Zukunft gäbe und uns somit die Zukunft nur aufgrund eines epistemischen Defizits offen erscheint.[17]

Eine feste Definition von Determinismus zu geben ist jedoch nicht so einfach, denn darüber, was mit den Begriffen „Determinismus“ bzw. „Indeterminismus“ wirklich gemeint ist, bzw. in welcher Form ihre Thesen überzeugend verteidigt werden können, ist man sich bis heute nicht ganz einig. Daher gibt es die verschiedensten Gebrauchsweisen dieser Begriffe. Ulrich Pothast beispiels-weise unterscheidet sieben verschiedene Determinismusthesen:[18]

1)    Alle Ereignisse, die wirklich eintreten, sind auch unvermeidbar. Denn alle zutreffenden Aussagen über das Eintreten dieser Ereignisse sind unabhängig vom Zeitpunkt, zu dem sie gefällt werden, wahr. (Diese Position wird auch „logischer Determinismus“ genannt.)

2)    Alle Ereignisse sind im Voraus „gewusst“ bzw. „wissbar“. Diese These ist mit der ersten verwandt. Beide spielen in der modernen Diskussion allerdings nur noch eine Nebenrolle.

3)    Alle Ereignisse der Welt sind eigentlich von Gott hervorgebracht. Hierzu zählt sowohl die These, dass das Hervorbringen durch einen einzigen Schöpfungsakt schon geleistet ist (so dass alles Spätere auf diesen einen Akt zurückgeht), als auch die Annahme, Gott greife ständig in den Gang der Welt ein. (Diese These wird auch „theologischer Determinismus“ genannt.)

4)    Alle Ereignisse können im Prinzip vorausgesagt werden. Die Voraussagbarkeit unterscheidet sich vom Vorwissen dadurch, dass jemand, der das Eintreten eines Ereignisses voraussagt, damit nicht sagt, dass ein Satz vom Typ „zum Zeitpunkt t geschieht das Ereignis e“ wahr ist. Er sagt nur, dass sich der Satz „zum Zeitpunkt t geschieht das Ereignis e“ aus dem, was jemand zu einem früheren Zeitpunkt weiß, faktisch oder im Prinzip ableiten lässt.

5)    Alle Ereignisse sind verursacht. Diese These leidet an der Unklarheit des Begriffs „Ursache“ und an den Unklarheiten im Verhältnis von Ursache und Wirkung.

6)    Alle Ereignisse sind aus vorherigen Umständen und Gesetzen erklärbar. Diese These kommt nur dann in Konflikt mit der Vorstellung, das Handeln der Personen sei frei, wenn man annimmt, dass die Gesetze, die bei der Erklärung benutzt werden, es in irgendeiner Weise ausschließen, dass die erklärte Handlung anders hätte ausfallen können. Ohne eine solche Ergänzung hat man nur ein logisches Verhältnis von Prämissen und Konklusion.

7)    Jedem Zustand eines deterministischen Systems kann Gesetzen zufolge ein und nur ein anderer Zustand desselben Systems folgen. Die nähere Interpretation dieser Konsequenz ergibt sich aus der jeweiligen Auffassung von „Gesetz“. Dies ist, was die Auseinandersetzung mit der Idee von Freiheit angeht, eine sehr wichtige Version des Determinismus. Sie kann zusammen mit der These auftreten, die fraglichen Gesetze lieferten bei Kenntnis der vorausliegenden Umstände eine Möglichkeit der Erklärung von Ereignissen; sie kann auch verbunden werden mit der These, Ereignisse, die in diesem Sinn determiniert sind, seien im Prinzip voraussagbar, ebenso wie rückwärts zu bestimmen. Es ist auch möglich, das Verhältnis früherer Zustände zu späteren zusätzlich kausal zu interpretieren; nur hängt der Sinn von „Determinismus“ hier nicht von einer vorgängigen Verständigung über den Sinn von „Ursache“ ab.

Es ist davon auszugehen, dass es sogar noch mehr als diese sieben Determinismusthesen gibt. Da diesen immer jeweils eine Indeterminismusthese gegenübersteht, ist klar, dass es für Indeterminismus wohl ebenso verschiedene Bedeutungen gibt.

Welchen Determinismusbegriff man jedoch auch immer verwendet, so bleibt der Determinismus trotzdem nur eine These. Selbstverständlich gibt es durchaus Gründe, diese These nicht anzunehmen und auch in den Naturwissenschaften ist die Annahme eines Determinismus umstritten. So wird gegen den Determinismus der klassischen Physik oft die Quantentheorie angeführt. Doch auch im Bezug auf die Quantentheorie gibt es sowohl deterministische als auch indeterministische Deutungen.

Nach der bis heute dominierenden Kopenhagener Interpretation sind Ereignisse, die mit Elementarteilchen zu tun haben, nicht determiniert. Wenn also zwei Elektronen aufeinanderprallen, gibt es lediglich eine Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich die jeweiligen Elektronen nach dem Zusammenstoß an einem bestimmten Ort befinden. Doch wie bereits erwähnt, existieren verschiedene Interpretationen der Quantenmechanik, und nicht alle davon sind indeterministisch. So gibt es zum Beispiel Theorien (etwa die De-Broglie-Bohm-Theorie), die davon ausgehen, dass es verborgene Parameter gibt, mit denen der Zufall in der Quantenmechanik auf deterministische Mechanismen zurückgeführt werden kann.[19] Oder es gibt die so genannte Many-Worlds-Interpretation, die davon ausgeht, dass unser Universum nur ein Teil der gesamten Wirklichkeit ist und das „Multiversum“, zu dem es gehört, durchaus deterministisch ist.[20]

Doch selbst wenn eine indeterministische Interpretation tatsächlich richtig sein sollte, ist Willensfreiheit nicht bewiesen. Es müsste zum einen erst nachgewiesen werden, dass sich dieser Indeterminismus auch hinsichtlich unseres freien Willens auswirkt (zum Beispiel, dass bestimmte Prozesse in unserem Gehirn nur quantenphysikalisch erklärt werden können) und zum anderen müsste geklärt werden, inwiefern das wirklich einen freien Willen erklärt.[21] Indeterminismus allein scheint Willensfreiheit nämlich auch nicht zu begründen, da indeterminierte Ereignisse zufällig zu sein scheinen. Daniel Dennett beispielsweise vergleicht eine solche indeterministische Entscheidung mit einem epileptischen Anfall oder einem plötzlichen unkontrollierten Zucken eines Muskels.[22]

Letztendlich ist jede Determinismus- und somit auch Indeterminismusthese eine metaphysische These und scheint als solche wahrscheinlich nicht empirisch bzw. vielleicht überhaupt nie bewiesen oder falsifiziert werden zu können. Somit geht es in der Debatte um die Vereinbarkeit von freiem Willen und Determinismus nicht darum, ob der Determinismus oder der Indeterminismus wahr ist, sondern darum, was theoretisch jeweils daraus folgen würde. Deswegen findet man in der Willensfreiheitsdebatte zu Fragen der Vereinbarkeit stets Formulierungen der Art „Wenn der Determinismus wahr ist oder wäre, dann (…)“. Ob er tatsächlich wahr ist, entzieht sich womöglich einer Beantwortung.[23]

Natürlich entscheidet sich die Frage der Vereinbarkeit von freiem Willen und Determinismus auch entsprechend der jeweils zugrunde gelegten Definition von „determiniert“.[24] Wir befinden uns somit in einem Wirrwarr von Begriffen mit den unterschiedlichsten Bedeutungen.

1.2    Umgang mit dem Begriff „Willensfreiheit“

Natürlich hat nahezu jeder eine intuitive Vorstellung, was Willensfreiheit ist, aber dieser alltägliche Sprachgebrauch ist verwaschen und kann deswegen inkohärent erscheinen. Selbstverständlich hängt die Frage, ob wir einen freien Willen haben, nun in entscheidender Weise davon ab, was „Willensfreiheit haben“ bedeutet. Nur, wie gelangt man zu einer genaueren Begriffs-bestimmung? Es scheint, dass mindestens zwei Aspekte berücksichtigt werden müssen:

Zum einen wird allgemein von einer Definition (oder zumindest einer genaueren Bestimmung eines Begriffs) gefordert, dass diese auch einem umgangssprachlichen Gebrauch entspricht, also unserer Intuition bezüglich dieses Begriffs nicht zuwider läuft. Zum anderen erwarten wir von einer Definition, dass diese nicht schon in sich widersprüchlich ist. Ein sinnvolles Konzept von Freiheit sollte also sowohl unserer Intuition entsprechen als auch stimmig und in sich schlüssig sein.

Einige Autoren halten Willensfreiheit grundsätzlich für eine inkohärente Vorstellung.[25] Es gibt allerdings Argumente, die die Annahme von Willensfreiheit begründen.

In diesem Zusammenhang möchte ich Peter van Inwagens Analyse zu „the problem of free will“ anführen. Er geht in seinem Aufsatz „How to think about the problem of free will“ davon aus, dass es drei scheinbar unwiderlegbare Arten von Argumenten gibt:

  • Bei der ersten Art von Argument geht es darum, dass freier Wille nicht mit einem Determinismus kompatibel ist (zu dieser Art von Argument gehört zum Beispiel das später untersuchte Konsequenzargument).
  • Die zweite Art von Argument will zeigen, dass freier Wille nicht mit einem Inkompatibilismus kompatibel ist (zu dieser Art von Argument gehört zum Beispiel das Mindargument).[26]
  • Der dritten Art von Argument liegt der Gedanke zugrunde, dass es Willensfreiheit geben muss, da diese moralische Verantwortung beinhaltet. Und da es moralische Verantwortung gibt,[27] muss es auch Willensfreiheit geben.

Nach van Inwagen muss man nun, um das „Problem der Willensfreiheit“ zu lösen, zeigen, dass mindestens eine der folgenden Thesen stimmt:

  • „The seemingly unanswerable arguments for the incompatibility of free will and determinism are in fact answerable; these arguments are fallacious
  • The seemingly unanswerable arguments for the incompatibility of free will and indeterminism are in fact answerable; these arguments are fallacious
  • The seemingly unanswerable arguments for the conclusion that the existence of moral responsibility entails the existence of free will are in fact answerable; these arguments are fallacious.

The ´problem of free will´ is just this problem (this is my proposal): to find out which of these arguments is fallacious, and to enable us to identify the fallacy or fallacies on which they depend.“[28]

Um nun die These vertreten zu können, dass Willensfreiheit nicht existiert (zum Beispiel aus dem Grund, dass der Begriff inkohärent ist) müsste nach dieser Analyse gezeigt werden, dass die dritte dieser Thesen stimmt. Es müsste gezeigt werden, dass die Annahme, moralische Verantwortung würde Willensfreiheit beinhalten verfehlt ist. [29]

Ein Kriterium für eine stimmige Begriffsbestimmung von Willensfreiheit (wenn man annimmt, dass es diese gibt), ist also scheinbar auch, ein Unterscheidungskriterium zu finden, um Personen für ihr Handeln verantwortlich machen zu können oder nicht. Also das Zuschreiben bzw. Nicht-Zuschreiben von Willensfreiheit als ein Kriterium zu benutzen, ob eine Person für ihr Handeln verantwortlich ist oder nicht.[30]


[1] Für die landläufige und von philosophischen Debatten unbeeinflusste Einschätzung der Begriffe verwende ich im Folgenden “Intuition”. Dies ist gleichzeitig auch auf unsere heutige Zeit und unseren westlichen Kulturkreis bezogen. Zwar bin ich der Ansicht, dass der Mensch zeit- und ortsunabhängig zum Thema freier Wille allgemein ähnliche Intuitionen hat bzw. hatte, möchte diese Diskussion allerdings hier außen vor lassen.

[2] Vgl. Klein 2009: 1.

[3] Denn man könnte bezweifeln, dass jemand Absichten haben kann, von denen er weiß, dass diese nicht erfüllt werden können.

[4] Es wird hier davon ausgegangen, dass nie alle Naturgesetze bekannt sein können. Siehe dazu auch Kapitel 4.4 und 4.5.

[5] Hume 1903: 108.

[6] Vgl. Schröder 2004: 306.

[7] Wenn ich im Folgenden von „frei“ bzw. “Freiheit” spreche, ist Willensfreiheit gemeint.

[8] Es gibt verschiedene Formulierungen von „Determinismus“. Diese können sich auch inhaltlich unterscheiden. Siehe dazu Kapitel 1.1.3.

[9] Die Erläuterungen der jeweiligen Positionen treffen natürlich nicht auf jeden „Vertreter“ gleichermaßen zu. Des Weiteren gibt es auch einige wenige Positionen, die weder wirklich unter die kompatibilistische noch unter die inkompatibilistische Position fallen, z.B. Freiheitsskeptiker.

[10] Zum Beispiel Thomas Buchheim (vgl. Buchheim 2006: 116).

[11] Vgl. u.a. Klein 2009: 159ff.

[12] Vgl. Keil 2007: 12.

[13] Van Inwagen führt in seinem Aufsatz „How to Think about the Problem of Free Will“ (van Inwagen 2008) an, dass er die Gegenüberstellung der Begriffe „libertarische Freiheit“ (libertarische Freiheit ist hier eine Doppelung, da inkompatibilistische Freiheit gewöhnlich als „libertarisch“ bezeichnet wird) und „kompatibilistische Freiheit“  problematisch findet, da sie sich letzlich auf dieselbe Freiheit beziehen sollten, nämlich auf „the power or ability to do otherwise than what one in fact does (…) If that´s what ´free will´ denotes, a power, then, by an argument parallel to the above, ´libertarian free will´ and ´compatibilist free will´ denote the same power.“ (van Inwagen 2008: 8) Jedoch ist zum einen diese Definition von „freiem Willen“ nicht die einzig mögliche und zum anderen kann man, wie ich im Folgenden darstellen werde, „the power or ability to do otherwise than one in fact does“ sehr unterschiedlich interpretieren. Ich werde hier die Unterscheidung zwischen „kompatibilistischer“ und „inkompatibilistischer Freiheit“ machen, da m. E. hier ein entscheidender Unterschied besteht. Dieser Unterschied liegt in der Forderung nach einem tatsächlichen – ontologisch möglichen anderen Verlauf der Welt durch den freien Willen. Diese Forderung ist es also, die ich im Folgenden als „inkompatibilistische Freiheit“ bezeichnen werde. („Kompatibilistische Freiheit“ wird hier lediglich zur Unterscheidung von „inkompatibilistischer Freiheit“ verwendet und inhaltlich nicht näher bestimmt, da beim Kompatibilismus das Spektrum dessen, was mit Freiheit gemeint ist, sehr breit ist und die Antworten somit unterschiedlich ausfallen.)

[14] Keil 2007: 12.

[15] Vgl. Ritzenhoff 2000: 26.

[16] LaPlace 1825: 2.

[17] Vgl. Ritzenhoff 2000: 27.

[18] Pothast 1980: 39f.

[19] Es gibt allerdings auch verschiedene Versuche zu zeigen, dass es solche versteckten Variablen nicht geben kann (z.B. das Kochen-Specker-Theorem).

[20] Vgl. u.a. Klein 2009: 137.

[21] Vgl. Schröder 2004: 310f.

[22] Siehe dazu auch Kapitel 3.2.2.

[23] Vgl. Klein 2009: 130f.

[24] In Kapitel 2.1.3 gehe ich darauf ein, was van Inwagen unter Determinismus versteht. Da ich in dieser Arbeit die Stichhaltigkeit des Konsequenzarguments von van Inwagen untersuche, werde ich van Inwagens Determinismusthese übernehmen und diese daraufhin prüfen, ob sie mit einem freien Willen kompatibel ist oder nicht. (Ich denke, sie ist allerdings so allgemein formuliert, dass sie auf die meisten derzeit vertretenen Lesarten von Determinismus übertragen werden kann.)

[25] Zum Beispiel Galen Strawson, der mit seinem „Basic Argument“ (Strawson 2002) zu zeigen versucht, dass freier Wille generell nicht existieren kann, weil er eine inkohärente Vorstellung ist. Inkohärent deshalb, weil er voraussetzt, dass der Mensch eine „causa sui“ – ein Grund aus sich selbst ist, was er jedoch nicht sein kann. Daher wäre es laut Galen Strawson genauso gerecht, jemanden für seinen Handlungen zu bestrafen, wie für seine natürliche Haarfarbe (vgl. Strawson 2002: 458).

[26] Siehe dazu Kapitel 3.2.2.

[27] Nun könnte natürlich jemand behaupten, dass es keine tatsächliche moralische Verantwortung gibt, weil es keine Willensfreiheit gibt. Für van Inwagen ist dieser Gedanke jedoch abwegig, denn: „if there were no such thing as moral responsibility nothing would be anyone’s fault, and it is evident that there are states of affairs to which one can point and say, correctly, to certain people: That’s your fault.“ (van Inwagen 2008: 2). Diese Antwort scheint m. E. berechtigt.

[28] Van Inwagen 2008: 2.

[29] Die Frage, ob man jemanden auch für eine Handlung verantwortlich machen  kann, ohne für diese Person Willensfreiheit zu beanspruchen, möchte ich in dieser Arbeit nicht weitergehend behandeln. Ich gehe davon aus, dass Verantwortung ein wesentlicher Aspekt von Willensfreiheit ist. Wenn jemand nicht aus freiem Willen gehandelt hat, wird dieser Person für die jeweilige Handlung allgemein ebenfalls keine Verantwortung zugesprochen. Ich werde daher im Folgenden die These, dass Freiheit eine notwendige Bedingung für gerechtfertigte Verantwortlichkeit ist, voraussetzen und dies nicht weiter ausführen. Die meisten Philosophen stimmen in dieser These auch überein, es gibt allerdings Ausnahmen, wie zum Beispiel Harry G. Frankfurt (vgl. Pothast 1980: 20).

[30] Eine Hauptfrage von Ulrich Pothast, anhand der er verschiedene Freiheitskonzeptionen untersucht, lautet: „Ist die Freiheit, die man aufgewiesen zu haben glaubt, eine Freiheit, die es erlaubt, Personen für ihre Handlungen verantwortlich zu machen und die positiven wie negativen sozialen Reaktionen zu rechtfertigen, die faktisch verhängt werden?“ (Pothast 1980: 20). Pauen und Roth beispielsweise sehen „Das Ziel einer philosophischen Analyse des Begriffs der Willensfreiheit (…)“ darin, „(…) deutlich zu machen, ob und – wenn ja – unter welchen Bedingungen man von Freiheit und Verantwortung sprechen kann, so daß es berechtigt ist, eine Person für ihr Handeln zu loben oder zu tadeln.“ (Pauen/Roth 2008: 25).

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